Mutter und Sohn: Ein besonders Verhältnis
Als Sigmund Freud den umstrittenen Ödipuskomplex beschrieb, wollte er u.a. die besondere Beziehung zwischen Mutter und Sohn ergründen. Seine Thesen sind benannt nach Ödipus, einer Gestalt der griechischen Mythologie. In einem Handgemenge tötete er seinen Vater und heiratete später dessen Witwe und damit seine eigene Mutter.
"Wenn ich groß bin, will ich Mama heiraten!"
Diese Aussage von kleinen Jungs hat in der Regel nichts mit einem ausgeprägten Ödipuskomplex zu tun. Sie zeigt aber, dass Söhne sich ein besonderes Verhältnis zu ihrer Mutter wünschen. Der Vater wird oft respektiert, die Mutter dagegen geliebt. Besonders in der Generation der Nachkriegszeit scheint diese Prägung vorhanden zu sein. Der Vater war oft jahrelang nicht zuhause - erst als Soldat im Krieg, danach vielleicht in Gefangenschaft. Wenn die Väter überhaupt irgendwann wieder nach Hause kamen, waren sie oft desillusioniert und unnahbar. Durch die bitteren Erfahrungen waren viele nicht mehr in der Lage, ein liebevolles Verhältnis in der Familie herzustellen. Mit überharter Disziplin und Strenge, gezeichnet vom autoritären System, dessen Aufbau und Sturz sie miterlebt hatten, verhinderten sie das Aufbauen guter Beziehungen zu ihren Kindern. Im Alltag war die Mutter dann dafür da, die emotionale Wärme ein wenig aufrechtzuerhalten.
Das "besondere Verhältnis"
Heute hat sich die Einstellung vieler Väter zu ihren Kindern grundlegend geändert. Sie sind vielfach zugänglich und liebevoll, und haben wirkliches Interesse an ihren Kindern. So hat sich auch die Bedeutung des besonderen Verhältnisses von Sohn und Mutter geändert. Die Kinderliebe ist gleichmäßiger verteilt, was man z.B. auch daran sieht, dass man immer häufiger von alleinerziehenden Vätern hört. Trotzdem ist es so, dass die Mutter für den Sohn nach wie vor eine gewisse Vorbildfunktion behalten hat. Stimmt das Verhältnis, erhöht sich die Chance, wie im umgekehrten Fall von Tochter und Vater übrigens auch, dass der Sohn sich später nach einer Frau umschaut, die gewisse Ähnlichkeiten mit der Mutter hat, seien sie optischer oder charakterlicher Natur. Im Normalfall ist es so, dass viele Söhne einfach nur stolz auf ihre Mütter sind und mit ihr die gute Zeit als Kind verbinden. Führt dieses Vergleichen allerdings zu einer gewissen Heroisierung der Mutter, kann es sogar zum Störfeuer einer Beziehung werden. Schwiegertöchter hören bis heute nicht gerne, dass der Kartoffelsalat der eigenen Mutter besser geschmeckt hat. Dann kann es sein, dass ein erwachsener Mann sich hin und wieder die Titulierung "Muttersöhnchen" gefallen lassen muss. Das wiederum reizt den Mann, sodass er weitere Dinge anführt, die seine Mutter besser gemacht hat. So hat das Verhältnis zur Mutter oft noch Einfluss auf den Sohn, obwohl dieser räumlich gar nicht mehr zu greifen ist. Mutter und Sohn - es ist eine besondere Beziehung, weil sie für ihn die erste Frau im Leben war. Und das wird sie auch immer bleiben.

